Eine unglaubliche Wahlbeteiligung, muss ich ja mal sagen!
Trotzdem hat keiner die Waschmaschine gewonnen. Weder waren die Legosteine Schuld, noch ist sie geplatzt.
Eigentlich ist die Geschichte auch gar nicht so witzig gewesen. Eher tragisch-komisch. Oder so.
Die alte Frau hat sich, anstatt nach dem Treppengeländer zu fassen, einen hohen Kerzenständer gegriffen, der natürlich nicht gehalten hat.
Der Ständer fiel zur Seite und hat dabei die Glasscheibe unseres Büros zerstört. Die Frau hat die Stufen koppüber genommen und ist auf eine Palette mit Kaffeebäumchen gefallen. Alles kaputt, überall Scherben.
Mein Chef schreit mich an, ich solle schnell helfen kommen. (Er selber behält lieber seinen Strauß in der Hand und beobachtet das Geschehen aus sicherer Entfernung). Ich eile zu der auf dem Rücken liegenden Frau und versuche ihr vorsichtig aufzuhelfen. Nicht! Halt! Frag sie ob sie sich was gebrochen hat! Sonst gibt es Rückenmarksverletzungen! – schreit mein Chef von hinten. Überflüssig, weil ich die Dame schon längst gefragt habe, ob sie sich etwas getan hat. Eine Antwort habe ich zwar nicht bekommen, aber sie hat bereitwillig nach meiner Hand gegriffen.
Ein Kunde war so nett einen Stuhl aus dem Büro zu holen und ihn von den Scherben zu befreien, so dass ich der Frau beim hinsetzen helfen konnte. Alles in Ordnung? frage ich sie nochmals – sie öffnet den Mund, kann aber nicht sprechen. Sie zuckt die Schultern, sieht unglücklich aus.
Ich glaub die kann nicht reden! schreit es wieder von hinten. Achso, ja… man gut, dass Chefe aus der Ferne alles so gut beobachten kann. Ich versuche der alten Frau zu bedeuten, dass alles in Ordnung ist, da diese noch unglücklicher auf den Scherbenhaufen schaut. Ich zeige auf ihre Hüfte und sie wackelt mit den Füßen. Scheint alles heile geblieben zu sein. Wir verstehen uns.
Nun kommt Chefe doch mal von hinten und brüllt der armen Frau entgegen: Sind sie gefallen? Sie guckt unverständlich. GEFALLEN?? Nichts. Er zeigt auf die Treppe, sie nickt. DU MUSST DAS MIT LIPPENLESEN VERSUCHEN! schreit er mich an. Ich stehe zwar genau neben ihm und höre eigentlich ganz gut, aber nunja.
Auch wenn sie sich offensichtlich nichts gebrochen hat, ist sie doch ganz schön gefallen und ich finde es besser, wenn sie noch etwas auf dem Stuhl sitzen bleibt. Sie versucht mir etwas zu erzählen, formt Worte mit dem Lippen – ich verstehe überhaupt nichts. Ganz schön blöd. Chefe kommt abermals, grabscht sich ihre Handtasche die noch auf dem Boden liegt und wühlt darin. Die Frau schaut ihn ängstlich an. Kein Ausweis, keine Adresse… murmelt er und drückt mir die Tasche in die Hand. Ich hätte da zwar nicht ungefragt drin gesucht, aber eine Telefonnummer zu finden ist keine schlechte Idee. Vielleicht hat die Frau Verwandte, die wir anrufen könnten, damit die sich abholen kommen. Einfach so gehen lassen, mochte ich sie auch nicht.
Ich hole einen Zettel und schreibe in großen Druckbuchstaben TELEFONUMMER? darauf. Die alte Frau schaut sich den Zettel an, zuckt mit den Schultern, nimmt sich meinen Stift und schreibt 110 auf. Polizei? Öhm… da wollte ich eigentlich nicht anrufen.
Meine Chefin kommt von ihrer Kaffeepause zurück und erfasst das Geschehen mit einem Blick. Das ist Frau Wenken, laufen Sie mal schnell in die 19 und klingeln bei ihrer Tochter weist sie unsere Aushilfe an, die sofort losläuft.
Ich sitze derweil neben Frau Wenken und schaue blöd. Sie versucht mit etwas zu erzählen, ich versuche die Worte zu erkennen – wird aber nix. Ich lächele, sie nickt und lächelt auch. Nunja, auch gut. Wenigstens weint sie nicht oder versucht wegzulaufen. Ich kehre die Scherben auf und gebe ihr ihre Handtasche wieder, als unsere Aushilfe mit der Tochter in den Laden gelaufen kommt.
Diese stürzt gleich zu ihrer Mutter und gebärdet sich in Zeichensprache. Alles in Ordnung, sagt sie später, nichts passiert und vielen Dank, dass sie sich um meine Mutter gekümmert haben! Letzte Woche ist sie schonmal gefallen, beim Einkaufen, die haben da gleih die Polizei gerufen! sagt sie kopfschüttelnd. Sie bucksiert ihre Mutter im mitgebrachtem Rollstuhl und schiebt davon.